Phytotherapie bei Angst und Depression

Phytotherapeutika zur Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen sind durch umfassende Studien und daraus resultierenden klinischen Evidenzen für deren Wirksamkeit in den letzten Jahren weiter in den Fokus gerückt. Entsprechend der Behandlungsempfehlungen für unipolare depressive Störungen können verschiedene Johanniskrautpräparate für die Behandlung von leichten bis mittelschweren depressiven Episoden eingesetzt werden [1, 2]. In der Behandlung von Ängstlichkeit, innerer Unruhe und Spannungszuständen sind ebenfalls Präparate aus Johanniskraut zugelassen, während Pestwurz/Baldrian/Passionsblumen/Melisse-Extrakte bei Nervosität, Spannungs- und Unruhezuständen sowie Prüfungsangst zum Einsatz kommen können [3]. Darüber hinaus bieten auch Lavendelöl-Präparate eine Behandlungsmöglichkeit bei Ängstlichkeit und Unruhe.

Phytotherapie bei leichten und mittelschweren Depressionen

Extrakte aus dem Echten Johanniskraut (Hypericum perforatum) haben beruhigende und antidepressive Eigenschaften, wie bereits in einer Vielzahl von klinischen Studien nachgewiesen werden konnte [4]. Je nach Präparat sind sie bei gedrückter Stimmung, aber auch zur Behandlung von leichter bis mittelgradiger Depression zugelassen (siehe Tabelle). Im Rahmen verschiedener klinischer Studien zeigte sich sowohl verglichen mit Placebo als auch verglichen mit klassischen Antidepressiva, wie Paroxetin oder Fluoxetin, eine gute Wirksamkeit [5-8]. Die Cochrane Metaanalyse mit 29 Studien, von denen 18 einen Vergleich mit Placebo und 17 einen Vergleich mit synthetischen Antidepressiva darstellten, kam zu dem Ergebnis, dass Johanniskrautextrakte gegenüber dem Placebo überlegen und gegenüber Standard-Antidepressiva gleichwertig wirksam sind [9].

Der Wirkmechanismus der Johanniskrautextrakte basiert auf einem Zusammenwirken der verschiedenen Inhaltsstoffe, die unterschiedliche pharmakologische Effekte haben. Zu den Inhaltsstoffen zählen Hyperforin, Hypericin und Pseudohypericin sowie deren Synthesevorstufen, Flavonoide, Xanthone, Gerbstoffe und ätherisches Öl [4]. Dabei ist die pharmakologische Wirkung vor allem auf Hyperforin, Hypericin und Flavonoide wie Biapigenin und Rutin zurückzuführen [4, 10]. Hyperforin bewirkt eine Wiederaufnahmehemmung der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin sowie eine Hemmung von GABA und L-Glutamat [4]. Hypericin inhibiert ebenfalls die Freisetzung von Glutamat, verringert darüber hinaus aber auch die Plasmalevel von Adrenocorticotropin und Steroidhormonen [10, 11]. Durch die Flavonoide Isorhamnetin und Rutin wird die extrazelluläre Konzentration von Serotonin im präfrontalen Kortex signifikant erhöht [4]. Insgesamt ist der antidepressive Effekt also auf einen breiten Wirkmechanismus zurückzuführen.

Abgesehen von der nachgewiesenen Wirksamkeit treten unter Johanniskraut insgesamt weniger Nebenwirkungen als unter Standard-Antidepressiva auf [9]. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Reanalyse von Nebenwirkungsdaten aus vier verschiedenen Studien mit einem Johanniskrautextrakt und selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) bzw. Placebo [12]. Hierbei konnten unter dem SSRI Paroxetin 10- bis 38-fach höhere Nebenwirkungsraten als unter dem Johanniskrautextrakt WS 5570 beobachtet werden. Insgesamt ist damit eine gute Verträglichkeit gegeben. Nur bei etwa 1-3% der Fälle kommt es zu Nebenwirkungen, wie Magen-Darm-Beschwerden, allergischen Reaktionen, Müdigkeit oder Unruhe [4]. Allerdings führt Johanniskraut zu einer Reduktion des hepatischen Enzyms Zytochrom P 3A4 (CYP3A4), was einen Einfluss auf die Verstoffwechslung von anderen Medikamenten haben kann [4].

 

Phytotherapie bei Unruhe und Angsterkrankungen

Für die Behandlung von Nervosität und Schlafstörungen gibt es eine Reihe von zugelassenen Phytotherapeutika. Je nach Dosierung und Einnahmezeitpunkt kann die Wirkung dabei von beruhigend bis zu schlaffördernd variieren [13]. Der Baldrian-Hopfen-Extrakt Ze 91019 fördert beispielsweise die Schlafbereitschaft und verbessert den Schlaf-Wach-Rhythmus, wie in pharmakologischen Untersuchungen gezeigt werden konnte [13]. Dies wurde auch in einer klinischen Studie bestätigt, in welcher der Extrakt bei Patienten mit nicht-organischer Insomnie zu einer signifikanten Reduktion der Schlaflatenz im Vergleich zu Placebo führte [14]. Im Kombinationsextrakt Ze 185 ist zusätzlich zu Baldrian und Hopfen noch Pestwurzextrakt enthalten, welchem eine anxiolytische Wirkung zugesprochen wird [13].

Abgesehen von diesen Substanzen hat auch Lavendel (Lavandula angustifolia) bzw. das medizinisch genutzte Silexan relaxierende und anxiolytische Eigenschaften [15]. In einer zehnwöchigen klinischen Studie wurde bei Patienten mit Angststörungen die Wirksamkeit von Silexan im Vergleich zu Placebo gezeigt [16]. Unter Silexan konnte dabei eine Verbesserung in der Hamilton-Anxiety-Scale erreicht werden, die signifikant höher als in der Placebo-Gruppe war. Auch in Bezug auf die Ansprechrate war Silexan dem Placebo überlegen. Vergleichbar dazu konnte bei Patienten mit generalisierter Angststörung in einer sechswöchigen klinischen Studie die Wirksamkeit von Silexan bestätigt werden [17]. Hierbei konnte unter Silexan eine Verbesserung in der Hamilton-Anxiety-Scale erreicht werden, die der Wirkung von Lorazepam entsprach [17]. Ein Vergleich von Silexan und Paroxetin bei generalisierter Angststörung zeigte eine Effektstärke von jeweils 0.37 bzw. 0.21 [18].

Der Wirkmechanismus von Lavendelöl ist bisher noch nicht vollständig geklärt. Im Tierversuch konnte gezeigt werden, dass es, ähnlich wie Pregabalin, spannungsabhängige Kalziumkanäle inhibiert [19]. Darüber hinaus wurde in einer klinischen Studie eine Reduktion der Bindungskapazität für den Serotonin-1A Rezeptor unter Silexan beobachtet [20]. Weitere Untersuchungen deuten darüber hinaus auf eine Inhibition des Serotonintransporters und einen Antagonismus am NMDA-Rezeptor hin [21].

Hinsichtlich der Verträglichkeit konnte unter Silexan weder ein sedativer Effekt noch andere unerwünschte Wirkungen festgestellt werden [16]. Darüber hinaus besteht bei diesem Phytotherapeutikum kein Abhängigkeitspotential [17].

 

Anwendung Produktname Wirkstoff Firma (Hersteller)
gedrückte Stimmung, Antriebsmangel, Stimmungslabilität, nervöse Unruhe, Unausgeglichenheit, nervöse Gereiztheit und damit verbundene Schlafstörungen

 

1 auch bei Ängstlichkeit

Hypericum Sandoz® 650 Johanniskrautextrakt (Hyperici herbae extractum) Sandoz Pharma-ceuticals AG
Hyperimed® Johanniskrautspissumextrakt Bioforce AG
Jarsin® 300/-450 Johanniskraut-Trockenextrakt LI 160 Vifor SA
Rebalance® 250/5001 Johanniskraut-Trockenextrakt (Ze 117) Zeller Medical AG
Solevita® forte1 Johanniskrauttrockenextrakt (Hyperici herbae extractum siccum) Permamed AG
leichte und mittelgradige depressive Episoden (F32.0 und F32.1 gemäss ICD-10) Jarsin® Rx Johanniskraut-Trockenextrakt LI 160 Vifor SA
Rebalance® Rx quantifiziertes Trockenextrakt (Ze 117) aus den zur Blütezeit geernteten oberirdischen Teilen des Johanniskrautes Zeller Medical AG
Deprivita® Johanniskrauttrockenextrakt (Hyperici herbae extractum) Schwabe Pharma AG
Hyperiplant® Rx Johanniskraut-Trockenextrakt (Hyperici herbae extr. methan. sicc.) Schwabe Pharma AG
Unruhe, Nervosität, Ein- und Durchschlafstörungen Sedonium® Baldrianwurzel-Trockenextrakt Vifor SA
Dormiplant® Trockenextrakte aus Baldrian und Melisse Schwabe Pharma AG
Hova® Extrakte aus Baldrian und Hopfen Gebro Pharma AG
Redormin® 250/500 Trockenextrakte aus Baldrianwurzeln und Hopfenzapfen (Ze 91019) Zeller Medical AG
Relaxane® Trockenextrakt (Ze 185) aus Pestwurz-Wurzeln (Petasites hybridus rhizoma), Baldrianwurzeln, Passionsblumenkraut und Melissenblättern Zeller Medical AG
Ängstlichkeit und Unruhe Lasea® * Lavendelöl Schwabe Pharma AG
Laitea® * Lavendelöl Schwabe Pharma AG

 

Die Tabelle orientiert sich an der Übersicht zu Phytopharmaka in der Spezialitätenliste der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP), siehe http://www.smgp.ch/smgp/homeindex/arzneimittel.html, (* nicht in der Spezialitätenliste enthalten).

 

 

  1. Holsboer-Trachsler, E., et al., Die somatische Behandlung der unipolaren depressiven Störungen. Swiss Medical Forum, 2010. 10(H. 46).
  2. Holsboer-Trachsler, E., et al., Die somatische Behandlung der unipolaren depressiven Störungen: Update 2016, Teil 1. Swiss Medical Forum, 2016. 16(35): p. 716-724.
  3. Keck, M., et al., Die Behandlung der Angsterkrankungen – Teil 1: Panikstörung, Agoraphobie, generalisierte Angststörung, soziale Phobie, spezifische Phobien. Swiss Medical Forum, 2011. 11(34): p. 558-566.
  4. Gündling, P.W., Phytotherapie bei Depressionen. Ars Medici, 2009. 11: p. 450-452.
  5. Szegedi, A., et al., Acute treatment of moderate to severe depression with hypericum extract WS 5570 (St John’s wort): randomised controlled double blind non-inferiority trial versus paroxetine. Bmj, 2005. 330(7490): p. 503.
  6. Kasper, S., et al., Superior efficacy of St John’s wort extract WS® 5570 compared to placebo in patients with major depression: a randomized, double-blind, placebo-controlled, multi-center trial [ISRCTN77277298]. BMC medicine, 2006. 4(1): p. 14.
  7. Lecrubier, Y., et al., Efficacy of St. John’s wort extract WS 5570 in major depression: a double-blind, placebo-controlled trial. American Journal of Psychiatry, 2002. 159(8): p. 1361-1366.
  8. Behnke, K., et al., Hypericum perforatum versus fluoxetine in the treatment of mild to moderate depression. Advances in therapy, 2002. 19(1): p. 43-52.
  9. Linde, K., M.M. Berner, and L. Kriston, St John’s wort for major depression. The Cochrane Library, 2008.
  10. Chang, Y. and S.-J. Wang, Hypericin, the active component of St. John’s wort, inhibits glutamate release in the rat cerebrocortical synaptosomes via a mitogen-activated protein kinase-dependent pathway. European journal of pharmacology, 2010. 634(1): p. 53-61.
  11. Butterweck, V., B. Korte, and H. Winterhoff, Pharmacological and endocrine effects of Hypericum perforatum and hypericin after repeated treatment. Pharmacopsychiatry, 2001. 34(Sup. 1): p. 2-7.
  12. Kasper, S., et al., Better tolerability of St. John’s wort extract WS 5570 compared to treatment with SSRIs: a reanalysis of data from controlled clinical trials in acute major depression. International clinical psychopharmacology, 2010. 25(4): p. 204-213.
  13. Bachmann, C., Pflanzliche Arzneimittel gegen Unruhe und Angstzustände. Hausarzt Praxis, 2014. 9(11): p. 8.
  14. Koetter, U., et al., A randomized, double blind, placebo‐controlled, prospective clinical study to demonstrate clinical efficacy of a fixed valerian hops extract combination (Ze 91019) in patients suffering from non‐organic sleep disorder. Phytotherapy research, 2007. 21(9): p. 847-851.
  15. Hegemann, K., Lavendula angustifolia. Hausarzt Praxis, 2017. 12(6): p. 44-46.
  16. Kasper, S., et al., Silexan, an orally administered Lavandula oil preparation, is effective in the treatment of ‘subsyndromal’anxiety disorder: a randomized, double-blind, placebo controlled trial. International clinical psychopharmacology, 2010. 25(5): p. 277-287.
  17. Woelk, H. and S. Schläfke, A multi-center, double-blind, randomised study of the Lavender oil preparation Silexan in comparison to Lorazepam for generalized anxiety disorder. Phytomedicine, 2010. 17(2): p. 94-99.
  18. Kasper, S., et al., Lavender oil preparation Silexan is effective in generalized anxiety disorder–a randomized, double-blind comparison to placebo and paroxetine. International Journal of Neuropsychopharmacology, 2014. 17(6): p. 859-869.
  19. Schuwald, A.M., et al., Lavender oil-potent anxiolytic properties via modulating voltage dependent calcium channels. PloS one, 2013. 8(4): p. e59998.
  20. Baldinger, P., et al., Effects of Silexan on the serotonin-1A receptor and microstructure of the human brain: a randomized, placebo-controlled, double-blind, cross-over study with molecular and structural neuroimaging. International Journal of Neuropsychopharmacology, 2015. 18(4).

21.          López, V., et al., Exploring pharmacological mechanisms of lavender (Lavandula angustifolia) essential oil on central nervous system targets. Frontiers in pharmacology, 2017. 8.

 

Dieser Text wurde in den SGAD News & Infos 03/2017 veröffentlicht. Möchten Sie regelmässige Beiträge und News der SGAD erhalten? Dann klicken Sie hier: